Betritt man die Straßenschule "Temple de la Grace" fällt einem sofort der dort herrschende Lärm auf. In dieser Schule, die in den Gemäuern einer Kirche untergebracht ist, hallen die Stimmen der Schüler und Lehrer unheimlich. Doch gerade dieser permanente Hall macht die Stille in dem Moment, in dem die Stimme des Lehrers verstummt und man das Kratzen der Stifte auf dem Papier hören kann, besonders außergewöhnlich.
Einer dieser kratzenden Stifte gehört Marie, einem grinsenden 9 Jahre alten Mädchen. „Schau dir das an", sagt sie, während sie auf die französischen Zeilen zeigt, die sie sorgfältig in ihr Heft geschrieben hat. Sie sitzt kaum mehr als 5 Zentimeter von ihrer Klassenkameradin entfernt. Dies hat zur Folge, dass die Beiden in einer Art Symbiose arbeiten; sprich: ihre Köpfe bewegen sich fast synchron, als sie langsam den Text abschreiben, den der Lehrer mit Kreide an die Tafel geschrieben hat.
„Ich liebe es, in die Schule zu gehen und ich muss immer hübsch aussehen", sagt sie, während ihre Beine auf der Bank hin- und herschaukeln. Sie fasst sich an den Kopf und erzählt, dass sich ihre Tante jeden Morgen um ihre Frisur kümmert und sicherstellt, dass ihre Augenbrauen auch anständig liegen. „Ich weiß, dass es ein großes Glück ist, die Schule besuchen zu können. Viele Kinder in meiner Nachbarschaft gehen nicht zur Schule und deswegen will ich diese Chance nutzen und das Beste daraus machen. Unser Haus ist sehr klein und wenn es vom Regen überschwemmt wird ist alles dreckig und nass. Meine Bücher packe ich aber immer ganz gut ein, so dass ihnen nichts passiert".
„Wir kümmern uns hier um fast 300 Kinder, Kinder, die sonst nicht wissen, wohin sie gehen sollen", sagt die Direktorin Joel Genalien. „Wir sind hier in einer sehr armen Region, die keine staatliche Hilfe empfängt. Unsere Kinder leben in großer Armut, viele von ihnen kommen jeden Tag hungrig. Wir stellen sicher, dass sie eine große warme Mahlzeit bekommen – oftmals das einzige Essen für sie am Tag. Für diese alte Kirche werden hier sehr viele Kinder versorgt, aber egal ob beim Unterricht oder beim Essen, der Ablauf ist geregelt.
Neben der Armut ist die Gegend in Wharf Jeremie (ein Teil des Slums von Cité Soleil) sehr gefährlich. „Manchmal habe ich Angst", sagt Marie, während ihr Lächeln für einen kurzen Moment schwindet und sie sehr nachdenklich schaut. Dann aber nickt sie leicht mit dem Kopf und schaut wieder sehr entschlossen. „Die einzige Möglichkeit, die Angst hinter sich zu lassen ist, hierher zu kommen und die Schule zu besuchen. Trotz des Lärms hier, empfinde ich Frieden. Ich kann hier lernen und mache mir in dieser Zeit keine Sorgen über all die anderen Dinge. Für mich ist Temple de la Grace viel mehr als eine Schule, sie ist ein Stück zu Hause für mich".